Eine Zugfahrt (von Alexandra)

Völlig übermüdet lausche ich dem Rattern des Zuges und sehe kurz auf die Uhr. Noch drei Stunden, dann werde ich endlich da sein. Ich bin gespannt auf das, was mich am anderen Ende der Strecke erwartet. Er hat angerufen und um meinen Besuch gebeten, keine Andeutungen gemacht, keine Erklärungen gegeben. Seine Stimme klang etwas verängstigt erinnere ich mich und grüble zum tausendsten Mal seit drei Tagen über den möglichen Anlaß dieser seltenen Bitte.

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf das monotone Geräusch der Räder, versuche zu schlafen. Doch zu viele Gedanken drängen sich in meinem Kopf und verhindern, daß ich wollüstig in Morpheus‘ Arme sinken kann.

"Nächster Halt Frankfurt Hauptbahnhof" schnarrt die Stimme des Zugbegleiters durch das leere Abteil. Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine kleine Menschenmenge auf dem Bahnsteig. Dicht gedrängt stehen sie da, bereit, um einen Sitzplatz zu kämpfen.

Direkt vor meinem Fenster steht ein junges Liebespaar. Sie hat Tränen in den Augen, küßt ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht, während er nur dasteht, seinen kleinen Koffer in der Hand. Er sieht durch das Fenster in den Zug hinein und entdeckt, daß ich allein im Abteil sitze. Er streicht ihr kurz über das Haar und betritt den Zug. Wenige Sekunden später öffnet er die Abteiltür und fragt höflich, ob er sich zu mir setzen dürfte. Klar darf er.

Er öffnet das Fenster und unterhält sich mit seiner Freundin, die nun endlich weint und ein Taschentuch aus dem Mantel zerrt. Ich versuche, die intime Unterhaltung zu überhören, doch das gelingt mir natürlich nicht so recht. Ich bin eben ein neugieriger Mensch.....

Der Zug fährt an, das schrille Pfeifen des Schaffners durchdringt das eifrige Geplauder der wartenden Menschen da draußen. Er zieht das Fenster wieder zu und setzt sich mir gegenüber. Ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll und ziehe eine langweilige Zeitung aus meiner Handtasche, in der ich lustlos blättere. Ich mag gar nicht lesen, und Bilder gibt es auch keine auf diesem grauen Stück Papier. Langweilig.

Nach ein paar Minuten hat der Zug wieder seine Fahrgeschwindigkeit erreicht, und das monotone Rattern hat sich eingestellt. Ich lege die Zeitung zur Seite und sehe aus dem Fenster, beobachte die Bäume und Häuser, die pfeilschnell an uns vorbeischießen. Er kramt eine Schachtel Zigaretten aus der engen Jeans und raucht. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, daß er mich ansieht und ärgere mich darüber, daß ich offensichtlich gerade rot anlaufe.

Auch ich erinnere mich an die Zigaretten in meiner Tasche und rauche eine davon. Er sieht wieder zu mir und grinst. Er ist noch jung, vielleicht zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig. Sein blondes Haar ist noch kräftig und voll, sein Gesicht wirkt naiv und unbekümmert. Ich sehe in seine blauen Augen und lächle unwillkürlich. Sein Grinsen verschwindet, verlegen wendet er den Blick ab. Na also, triumphiere ich, da wird sich doch niemand mit einer reifen Frau anlegen wollen?!

Ich wende mich wieder der Zeitung zu und entdecke einen Psychotest. Klasse. Diesmal will ich nicht die mittlere Punktzahl haben, beschließe ich und gebe mir die größte Mühe, die unverschämtesten Antworten herauszufiltern. "Neigen Sie zu Seitensprüngen?" Ja, natürlich.

Ich erinnere mich an meine diversen Liebhaber, die ich in den letzten Jahren hatte. Wochenendbeziehungen haben auch ihre guten Seiten, kichere ich in mich hinein. Man muß sich nicht anstrengen, nichts verbergen. Man fällt sich nicht leicht auf die Nerven. Seit fünf Jahren geht das jetzt so. Ich habe nicht vor, nach München zu ziehen, und er will nicht in Köln leben. Nun gut, dann wird es noch lange so bleiben wie es ist. Liebhaber eingeschlossen.

Ich weiß, daß auch er sich in einsamen Stunden tröstet. Und es macht mir nichts aus. Wir haben nie darüber gesprochen, und dennoch existiert so etwas wie eine stille Übereinkunft zwischen uns. Manche Dinge bleiben besser unausgesprochen.

Irgendwo lese ich, daß Menschen nicht "negativ" denken können. Man kann nicht bewußt nicht an etwas denken. Eine merkwürdige Theorie. "Denken Sie einmal NICHT an den Eiffelturm" steht da. Ich versuche es, und natürlich taucht genau in dem Moment, in dem ich versuche, nicht daran zu denken, das Bild dieses Bauwerks vor meinem inneren Auge auf. Ich lache und lese weiter. Interessanter Artikel.

Ich versuche, nicht an seinen jugendlichen Körper zu denken. Und muß mir mit aller Mühe ein Kichern verkneifen. Er sieht mich etwas verwundert an, ich sehe von der Zeitung auf und lächle ihn an. Und versuche, nicht an die unbehaarte, weiche Brust zu denken, die unter dem T-shirt verborgen ist.

Errötend schaue ich aus dem Fenster. Wie gut, daß das Gedankenlesen noch nicht erfunden wurde!

Er steht auf und holt seinen Koffer aus dem Gepäcknetz. Aus den Augenwinkeln betrachte ich seinen sportlichen Po, der in einer engen Jeans steckt. Und versuche, nicht an seine recht kräftigen Unterarme zu denken, die von der Anstrengung fein geädert und angespannt unter dem kurzen Ärmel hervorblitzen. Er öffnet seinen Koffer und wühlt kurz darin herum. Dann hat er gefunden, was er suchte. Er zieht zwei Dosen Bier heraus und setzt sich wieder hin, den Koffer läßt er auf dem Sitz liegen.

Er sieht mich an, lächelt und reicht mir eine Dose. Verlegen greife ich zu. Ich habe noch nie Bier aus einer Dose getrunken, aber dieser natürlichen Selbstverständlichkeit, mit der er sie mir angeboten hat, kann ich nicht widerstehen. Zischend öffnen wir den Verschluß und trinken. Er wischt die glitzernde Flüssigkeit von seiner Oberlippe. Glattrasiert ist er, nicht ein Hauch von Bartwuchs ist zu sehen. Vielleicht ist er doch etwas älter, sieht nur jünger aus? Ich sehe ja auch jünger aus. Zumindest wird mir das häufig gesagt.

Ich schaue wieder aus dem Fenster und versuche, nicht an seine Hände zu denken, die über meinen Körper gleiten, mich berühren, mich anfassen. Versuche, nicht an seinen bewundernden Blick zu denken, an seine Überraschung, als ich plötzlich vor ihm knie und mit geübten Händen den Reißverschluß seiner immer enger werdenden Jeanshose öffne, um das Stück jugendlicher Manneskraft hervorzuholen und zwischen meinen Lippen verschwinden zu lassen. Versuche, sein lustvolles Stöhnen zu überhören, als er mit seinen schlanken Fingern über meine Brüste fährt und etwas unbeholfen an den Brustwarzen zupft.

Mir wird unangenehm heiß, ich stehe mit wackligen Knien auf und öffne das Fenster, sehe ihn nicht an. Aus Angst, er könnte meine Erregung bemerken und sich über mich lustig machen. "Fahren Sie zu Ihrem Mann?" fragt er plötzlich. Schuldbewußt hebe ich den Kopf und flüstere heiser "Ich bin nicht verheiratet." Er grinst wieder, mit gespreizten Beinen sitzt er da und gestattet mir einen Blick zwischen seine Beine. Unter der engen Hose zeichnet sich deutlich seine Erregung ab und ich werde rot. "Nächster Halt München Hauptbahnhof" ertönt die Stimme des Schaffners, und hinter der Fensterscheibe sehe ich schon die ersten Silhouetten der Hochhäuser auftauchen. Ich stopfe die Zeitung in meine Tasche zurück und zerre den Koffer aus dem Gepäcknetz. "Ich muß aussteigen," sage ich, das Gesicht abgewandt. "Schade," erwidert er und fügt süffisant hinzu: "Ich würde ihnen gern helfen mit dem Koffer, aber im Moment ist das etwas schwierig......." Er lacht.

Ich drehe mich zu ihm um und lächle. "Vielleicht beim nächsten Mal." "Sicher."

Vom Bahnsteig winkt ein großer dunkelhaariger Mann in das Abteil. Ich winke zurück und steige aus. Freue mich auf die Rückfahrt........




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