Süßes Salz (von Vera Stein)



Dinge gibt es, die gehören einfach zu uns. Wir leben mit ihnen, ohne sie fehlt uns einfach das Besondere. Wir haben uns an sie gewöhnt, brauchen sie, denken ohne sie nicht leben zu können.

Die rechte Dosis Salz zwischen Daumen und Zeigefinger, nur ein wenig, ja die gewisse Prise und schon schmeckt mitunter das tote rote Fleisch auch roh, Speisen verlieren ihren faden, öden Geschmack. Jeder schmeckt es, jeder empfindet anders. Salz ist nicht nur salzig: ein paar Körnchen nur verursachen diesen unverwechselbaren Geschmack im Mund und auf der Haut verleiht es uns etwas, was die Sinne zu betören vermag und auf eine Wunde gestreut, verspürt man einen Schmerz, es brennt.

Heute streue ich Salz in meine Wunde. Aber heute möchte ich bewusst genießen, diesen salzigen Geschmack. Und wenn ich dann meine Augen schließe, dann vermag ich mir vorzustellen, wie süß doch alles um mich herum sein kann. Jeden Tag schaue ich in den Spiegel um zu sehen, was zu sehen ist; was im Verlauf der Zeit überhaupt noch zu sehen ist. Mein Hintern: Rechts ist scheinbar alles normal, aber irgendetwas schimmert noch in ganz blassen Tönen. Links. Ein Farbenmeer in Rot, Grün, Blau und etwas Gelb. Bizarre Muster ebenso bizarr wie Vorstellung, wie und was alles gerade mit mir passiert und noch kommen wird.

Am Anfang. Die ersten Schläge sind so erträglich wie ein strammer Klaps auf den Hintern. Jungfräulich und blass die Haut, der Schlag wird Vergangenheit und das war es. Aber trotzdem; da war doch was!

Sanftes Streicheln ergeht über das Ziel und weiter. Der Beginn eines scheinbaren Kampfes zwischen Gut und Böse. Langsam durchdringt jeder weitere Schlag die - meine - Haut viel tiefer und im Kopf geht es: Es tut weh! Dabei tut es nur weh, wenn da nicht gleich wieder diese Hand wäre, die alles lindert und vergessen lässt. Der Puls beginnt zu rasen und was genau mit mir passiert ist mir unbegreiflich, schön und bizarr!

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Süßes Salz (von Vera Stein)
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